Grußwort Kongresspräsident

Volker Köllner

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

Mind the Gap – Forschung und Praxis im Dialog
lautet das Motto des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 2020.

Eine Lücke zwischen Forschung und Praxis wird in unserem Fach in den letzten Jahren zunehmend wahrgenommen. Kolleginnen und Kollegen in Klinik und Praxis kritisieren, dass die in Studien untersuchten Patientinnen und Patienten zu hoch selektiert wären und Forschungsergebnisse daher nicht auf die Versorgungsrealität übertragbar seien. In der Forschung gibt es zuweilen Enttäuschung darüber, dass evidenzbasierte Behandlungsmethoden nur sehr verzögert in der Praxis Verbreitung finden. Wir wollen deshalb mit dem diesjährigen Kongress einen Beitrag dazu leisten, Forschung, Klinik und Praxis wieder stärker in einen Dialog miteinander zu bringen. Mit unserem Motto haben wir aber auch Lücken und Brüche zwischen den Sektoren des Versorgungssystems – Krankenhausabteilungen, Rehakliniken und Praxen – im Blick. In den Plenarveranstaltungen, den State of the Art-Symposien und der Innovationswerkstatt wollen wir Konzepte aufzeigen, diese kleiner werden zu lassen.

Das diesjährige Kongressteam besteht aus Kolleginnen und Kollegen aus allen Sektoren des Versorgungssystems: Praxis, Krankenhaus und Rehaklinik und aus der Forschung. Obwohl wir mit den einzelnen Bausteinen der Versorgungskette in Deutschland gut aufgestellt sind, gibt es doch immer wieder Brüche und Reibungsverluste beim Wechsel zwischen den Sektoren. Es ist uns daher ein wichtiges Anliegen, hier den Dialog und die Vernetzung zu fördern.

Wir freuen uns sehr, auch zahlreiche aktive Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus China und Japan begrüßen zu dürfen und möchten sie herzlich willkommen heißen. Sie werden uns spannende Einblicke in die Entwicklung und Bedeutung der Psychosomatik in ihren Ländern geben.

Zu den Kennzeichen unseres Faches gehört es auch, sich den Fragen und Herausforderungen der Zeit zu stellen. In einem eigenen Sitzungsformat „Zukunftsperspektiven“ werden wir uns wie schon 2019 mit den Auswirkungen der Klimakrise auf die seelische Gesundheit und mit unseren Handlungsmöglichkeiten – medizinisch und gesellschaftlich – befassen. Der psychischen Situation Geflüchteter sind daher mehrere wissenschaftliche Symposien gewidmet – was zeigt, wie schnell und effektiv auch für die Betroffenen psychosomatische Forschung sich aktuellen Herausforderungen stellt. In diesen Kontext gehören auch die Symposien zur unterschiedlichen Situation in Ost und West 30 Jahre nach der friedlichen Revolution und zu den Auswirkungen der Ökonomisierung der Medizin auf die Psychosomatik.

Wir freuen uns sehr, dass Sie in diesem Jahr nach Berlin gekommen sind, um mit Ihren Beiträgen den Kongress zu gestalten oder als Zuhörerinnen und Zuhörer da zu sein und mit zu diskutieren. Sehr herzlich möchten wir uns bei der Carus Stiftung, der Ascona Stiftung, der European Association of Psychosomatic Medicine, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Deutschen Rentenversicherung Bund – und den vielen Ausstellern bedanken, die in diesem Jahr den Kongress finanziell unterstützen, sowie für die unermüdliche und geduldige Hilfe aus den beiden Fachgesellschaften DGPM und DKPM sowie von der K.I.T., ohne die die Realisierung des Kongresses nicht möglich gewesen wäre.

Wir wünschen Ihnen spannende Tage in Berlin voller neuer Einblicke und Begegnungen.
Mit herzlichen Grüßen vom Kongressteam 2020¹

 

Ihr

Prof. Dr. Volker Köllner

¹Bernd Bergander, Christoph Flückiger, Katharina Hof, Ulrich Keßler,

Alexa Kupferschmitt, Bernhard Palmowski, Henning Schauenburg, Robert Smolka, Peter Vogelsänger, Cora Weber

Grußwort Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK)

Dietrich Munz
Dietrich Munz

Sehr geehrter Herr Professor Köllner,
sehr geehrte Damen und Herren,

es sind bewegende Zeiten für die Psychotherapie und die psychosomatische Versorgung in Deutschland mit neuen Anlässen für Dialoge zwischen Forschung und Praxis. Die Reform der Psychotherapeutenausbildung wird die Psychotherapie in ihrer Vielfalt wieder an den Fakultäten der Universitäten, die den Studiengang anbieten, besser verankern. Mit mehr Praxisanteilen in diesen Studiengängen können Praxis und Forschung stärker in den Dialog treten.

Bei den Personalmindestvorgaben in Psychiatrie und Psychosomatik hat die Selbstverwaltung dagegen mit dem „Weiter wie bisher“ die Chance verpasst, Personalvorgaben an Leitlinien und damit an Ergebnissen des Dialoges von Forschung und Praxis zu orientieren.

Mit der im vergangenen Jahr beschlossenen Reform der Psychotherapeutenausbildung werden die die neuen psychotherapeutischen Studiengänge anbietenden Universitäten verpflichtet, die wissenschaftlich anerkannten Verfahren und Methoden zu lehren. Das gilt sowohl für die Theorie als auch für die Praxis. Wir erleben schon heute, wie in der Folge an vielen Standorten ein neuer Dialog entsteht zwischen psychologischen und medizinischen Fakultäten sowie außeruniversitären Einrichtungen, um die geforderte Verfahrens- und Methodenvielfalt zu organisieren. Das kann der Beginn einer neuen Dynamik sein, die sich nicht nur auf die Hochschullehre auswirkt, sondern auch in neuen Forschungskooperationen und -initiativen münden kann. Die Reform hat das große Potenzial, dass sich Versorgungspraxis und Forschung gegenseitig mehr beeinflussen.

Diese Entwicklung darf sich nicht auf eine Berufsgruppe beschränken, sondern sollte alle Berufe in den Dialog bringen, die an der Forschung und Praxis der Psychotherapie und der psychosomatischen Versorgung beteiligt sind. Auch dafür kann die Reform der Psychotherapeutenausbildung eine Initialzündung sein. Studierende werden – unabhängig davon, ob sie für eine Approbation als Ärztin bzw. Arzt oder Psychotherapeutin bzw. Psychotherapeut qualifiziert werden – mehr Gelegenheiten haben, untereinander und mit den Lehrenden in gemeinsamen Veranstaltungen oder gemeinsamen Praktika in den Dialog zu treten. Das gilt nicht nur für das Studium, sondern auch für das gemeinsame Lernen und Arbeiten in Weiterbildung und Forschung.

Bei der Entwicklung von Mindestpersonalanforderungen in Psychiatrie und Psychosomatik hat sich gezeigt, dass „Mind the Gap“ nicht zwangsläufig dazu führt, in einen wartenden Zug einzusteigen – um im Bild zu bleiben. Zumindest von unseren Patientinnen und Patienten wissen wir, dass die Lücke manchmal so groß erscheint, dass der Zug nach langer Zeit des Zögerns und Zauderns aus Angst am Ende gar nicht betreten wird. So zögerlich war der Gemeinsame Bundesausschuss, denn trotz des Wissens um die Mängel in der stationären Versorgung psychisch Erkrankter und entgegen der Meinung von Fachexpertinnen und -experten hat er die erforderliche Erhöhung des Personals zur Umsetzung einer leitliniengerechten Versorgung in den Einrichtungen nicht vorgenommen.

Um mehr Chancen für den Dialog zwischen Forschung und Praxis zu nutzen, brauchen wir also nicht nur die Aufmerksamkeit, Lücken zu erkennen, sondern auch die Fähigkeit und Bereitschaft, sie zu überwinden. Aber wir wären keine Psychotherapeutinnen und -therapeuten, wenn wir es bei dieser Erkenntnis bewenden ließen und nicht gemeinsam nach Wegen suchen würden, die uns das Besteigen des Zuges möglich machen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen inspirierenden Kongress mit fruchtbaren Dialogen.

Dr. Dietrich Munz

Grußwort Vorsitzender der DGPM

Johannes Kruse

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr, Sie auf dem Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und somit auf der 28. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie begrüßen zu dürfen. Prof. Volker Köllner und sein Team greifen mit dem Tagungsthema „Mind the Gap – Forschung und Praxis im Dialog“ ein sehr aktuelles Thema auf und haben ein hervorragendes Programm zusammengestellt. Im Zentrum steht die Zukunft der Psychosomatischen Medizin und der Psychotherapie, die im Spannungsfeld zwischen Forschung und Praxis zu gestalten ist.

Weitreichende fachpolitische und sozialpolitische Entscheidungen wurden im vergangenen Jahr getroffen. Die DGPM hat sich sehr erfolgreich im ständigen Dialog mit den Organen der Selbstverwaltung und der Politik intensiv für die Verbesserung der Rahmenbedingungen in der Versorgung sowie für die Erhaltung der Qualität unserer ärztlichen, psychosomatischen und psychotherapeutischen Arbeit eingesetzt. Die ausdrückliche Berücksichtigung unseres Fachgebiets in der Bedarfsplanungs-Richtlinie, die Anpassungen beim EBM, der Rahmenvertrag für die Psychosomatischen Institutsambulanzen, die Neuausrichtung des Vergütungssystems für psychosomatische stationäre Leistungen, die neue Musterweiterbildungsordnung für Ärzte sowie die aktuellen Veränderungen der Psychotherapie-Richtlinie geben der ambulanten und stationären psychosomatischen und psychotherapeutischen Versorgung einen deutlich verbesserten Rahmen – auch wenn nicht alle Wünsche in Erfüllung gingen.

Die neuen Perspektiven gilt es nun auch inhaltlich im Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis, zwischen Forschern und Klinikern, auszuloten und zu gestalten. Der Kongress mit seinem Rahmenthema kommt somit zur rechten Zeit, denn er bietet eine hervorragende Plattform, in diesen Dialog einzusteigen. Die gesundheitspolitischen Anforderungen und die Versorgungsbedürfnisse unserer Gesellschaft drängen auf Antworten in der Aus- und Weiterbildung sowie in der ambulanten, stationären und sektorenübergreifenden Versorgung. Neue Konzepte sind aktiv und innovativ auszugestalten.

Ich lade Sie herzlich ein, in den zahlreichen Veranstaltungen des Kongresses, diese Diskussion zu führen. Ich freue mich auf diesen Dialog in Berlin und grüße Sie herzlich.

Prof. Dr. Johannes Kruse

Grußwort Vorsitzender des DKPM

Christoph Herrmann-Lingen
Christoph Herrmann-Lingen

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

„Forschung und Praxis im Dialog“ lautet das Motto des diesjährigen Deutschen Psychosomatik-kongresses. Mit dem vorangestellten „mind the gap“ weisen der Kongresspräsident Prof. Volker Köllner und sein Berliner Kongressteam auf Brüche hin, die sich noch immer zwischen psychosoma-tischer Forschung und klinischer Praxis auftun. Psychosomatische Forschungsergebnisse werden nach wie vor in vielen Bereichen der somatischen Medizin ungenügend wahrgenommen. Zwar haben sie mittlerweile Eingang in viele hochwertige interdisziplinäre Leitlinien gefunden und aus der Psycho¬somatischen Medizin initiierte Leitlinien, etwa zu funktionellen Körperbeschwerden, werden von zahlreichen somatischen Fachgesellschaften inhaltlich mitgetragen. Das ist ein erfreulicher Fort¬schritt, der nur durch ein überproportionales ehrenamtliches Engagement psychosomatischer Forscher*innen und Kliniker*innen ermöglicht wurden. Hier besteht also aller Grund, stolz und dankbar für das Erreichte zu sein.
Dennoch bestehen aber weiterhin große Lücken zwischen psychosomatischer Forschung und medi¬zinischer Praxis. Psychosomatische Leitlinieninhalte werden noch viel zu oft in der somatisch-medi¬zinischen Versorgung ignoriert – unter anderem auch aufgrund zunehmender Ökonomisierung der Medizin mit unzureichender Honorierung gesprächsintensiver Leistungen. Hier verlangt eine weitere Verbesserung nach besseren ökonomische Rahmenbedingungen für eine patientenzentrierte Medizin.
Ein weiterer großer Erfolg der Psychosomatischen Medizin ist die im vergangenen Jahr erfolgte Wahl von Prof. Martina de Zwaan und Prof. Bernd Löwe in Fachkollegien der Deutschen Forschungs¬ge¬meinschaft, in denen über viele Jahre eine „Lücke“ bei der Vertretung psychosomatischen Sach¬ver¬stands geherrscht hatte, was sich ungünstig auf die Rahmenbedingungen psychosomatischer For¬schung ausgewirkt hatte. Auch hier gibt es somit jeden Grund zur Freude. Und neben dem Glück¬wunsch an unsere gewählten Vertreter*innen, deren wissenschaftliche Exzellenz eine wesentliche Voraussetzung für ihre Wahl war ,gilt der Dank auch hier wieder all den vielen Kolleginnen und Kollegen, die mit ihrer Stimme dazu beigetragen haben, diesen wichtigen Fortschritt zu ermöglichen.
Dieser Fortschritt sollte u.a. die Weiterentwicklung und Evaluation integrativer biopsychosozialer Behandlungen im ambulanten wie im stationären Versorgungssektor ermöglichen. Hierfür kann das interdisziplinär-multimodale Konzept (teil)stationärer psychosomatischer Behandlungen eine Vorlage liefern, dessen Evaluation die im vergangenen Jahr ohne externe Förderung gestartete Multizentrische Effectiveness-Studie Psychosomatisch-Psychothera¬peutischer Behandlungen (MEPP) zum Ziel hat. Daneben ist ein Transfer multimodaler stationärer Behandlungskonzepte ins ambulante Setting wesentlich. Erste deutsche Studien zur „(blended) collaborative care“ sowie die angestrebte Einrichtung Psychosomatischer Institutsambulanzen stellen sinnvolle Schritte auf diesem Weg dar.
So soll nicht nur die Lücke zwischen psychosomatischer Forschung und somatischer Medizin ge-schlossen sondern auch innerhalb des psychosomatisch-psychotherapeutischen Arbeitsfelds eine bessere Vernetzung von Forschenden und klinisch Tätigen erreicht werden. Dafür wünsche ich uns auf dem Deutschen Psychosomatikkongress viel konstruktiven Austausch, um aktuelle Forschungs-ergebnisse für die Praxis nutzbar zu machen und wichtige Fragestellungen aus der Praxis an die Forschenden heranzutragen. Ich wünsche uns eine große wechselseitige Offenheit, um Forschung und Praxis nicht nur kurzfristig in den Dialog sondern kontinuierlich in einen gemeinsamen Entwicklungs¬prozess zu bringen, der letztlich über bereits etablierte Versorgungsformen hinaus unseren Patientinnen und Patienten in Form möglichst optimaler Behandlungsangebote zugutekommen soll.

Prof. Dr. Herrmann-Lingen

Grußwort Vorstandvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin

 

Margret Stennes

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Thema Forschung ist in der ambulanten Versorgung allgegenwärtig. Für die in den Praxen niedergelassenen und angestellten Ärzte und Psychotherapeuten ist es ebenso wie für die im stationären Sektor tätigen Mediziner unabdingbar, sich regelmäßig über aktuelle Forschungsergebnisse zu informieren und diese in ihrer täglichen Arbeit mit den Patienten zu berücksichtigen. Als Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psycho-therapie und Psychoanalytikerin weiß ich aus eigener jahrelanger praktischer Erfahrung, wie wichtig Forschung ist – ob in der Prävention oder bei der Diagnose und Behandlung von Krankheitsbildern. Deshalb freut es mich, dass Sie Ihren Kongress dafür nutzen, um sich dem Thema Forschung zu widmen und zu hinterfragen, ob die Bedürfnisse und Er-fahrungen der Versorgungspraxis in der Forschung ausreichend berücksichtigt sind, wie innovative Behandlungsmethoden in der Psychosomatik aussehen und wie gut sich der Austausch zwischen den beiden Sektoren in unserem Versorgungssystem aktuell gestal-tet.

Dass „Forschung und Praxis im Dialog“ funktionieren kann, beweisen die Kassenärztli-chen Vereinigungen im Rahmen ihrer Zusammenarbeit mit dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). Im Mittelpunkt der Arbeit des For-schungsinstituts stehen zum einen der konkrete Arbeitsalltag und die Rahmenbedingun-gen für niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten. Zum anderen beschäftigt sich das Zi mit Fragen der zukünftigen Versorgung – von den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft bis hin zu digitalem Wandel und sich ändernden Krankheitsbildern. Mit zahl-reichen Projekten leistet das Zi und mit ihm dessen Träger, die Kassenärztlichen Vereini-gungen und die Kassenärztliche Bundesvereinigung, einen wesentlichen Beitrag zur Ver-sorgungsforschung und damit zur Versorgungsstruktur in Deutschland.

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin beteiligt sich intensiv an der Arbeit des Zi und lie-fert umfangreiche Fakten für die praxisbezogene Forschung. Die Forschungsergebnisse wiederum fließen zurück in unsere Arbeit und geben uns die Möglichkeit, die gewonne-nen Erkenntnisse umzusetzen und die ambulante Versorgung in Berlin weiter zu verbes-sern, ob bei der Entwicklung neuer Versorgungsformen oder beim Thema Digitalisierung, das uns in den kommenden Jahren immer stärker beschäftigen wird.

Ich wünsche der Veranstaltung einen guten Verlauf.

Margret Stennes

Grußwort der Direktorin der Deutschen Rentenversicherung Bund

Brigitte Gross

Sehr verehrter Herr Prof. Köllner,
sehr geehrter Herr Prof. Kruse,
sehr geehrter Herr Prof. Herrmann-Lingen,
sehr verehrte Damen und Herren,

wenn es Lücken gibt, die eine optimale Gesundheitsversorgung erschweren, dann sind Menschen mit kreativen Ideen, die mutig über die bekannten Begrenzungen hinausdenken, ebenso gefragt, wie Menschen, die zuhören können. Sie können uns dabei unterstützen, von „Mind the gap“ auf „Bridge the gap“ überzugehen. Den diesjährigen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie verstehe ich als einen Wegbereiter dafür.

Auch die Deutsche Rentenversicherung ist häufig mit der Aufgabe konfrontiert, Lücken und Brüche in der Versorgung der Versicherten überbrücken zu müssen. Deshalb ist es uns ein Anliegen, die Zusammenarbeit mit unseren Partnerinnen und Partnern zu intensivieren und die Prozesse zu optimieren.

Eine der Kernkompetenzen der gesetzlichen Rentenversicherung ist die Rehabilitation. Mit knapp 170.000 medizinischen Rehabilitationen pro Jahr sind psychische Erkrankungen die zweithäufigste Indikation für eine Rehabilitation der Rentenversicherung. Im deutschen Gesundheitssystem spielen wir damit eine wichtige Rolle bei der Versorgung psychisch Erkrankter.

Trotzdem werden wir in diesem Bereich als Akteurin häufig nicht ausreichend wahrgenommen. Daher freut es mich sehr, dass Herr Prof. Köllner, als ausgewiesener Experte auf dem Gebiet der psychosomatischen Rehabilitation, in diesem Jahr Kongresspräsident ist. Das unterstreicht die Bedeutung der Rehabilitation und trägt sicherlich dazu bei, noch mehr Brücken innerhalb des Versorgungssystems für psychisch erkrankte Menschen bauen zu können.

Seit Jahren sind psychische Erkrankungen überdies die häufigste Indikation, die zur Zahlung von Erwerbsminderungsrenten führt. Das hebt ganz eindeutig den Handlungsbedarf hervor – im Sinne unseres Ziels, die Beschäftigungsfähigkeit der Menschen wiederherzustellen und Teilhabe in der Gemeinschaft zu ermöglichen.

Aus unserer Sicht ist das eine gesamtgesellschaftliche, sektorübergreifende Aufgabe, bei der wir Hand in Hand agieren sollten.

Betrachten wir die Fälle genauer, können wir fächerübergreifende Handlungsfelder oder eben Lücken gut erkennen: Die Betroffen sind oft lange Zeit arbeitsunfähig und gleichzeitig erfolgt keine hinreichende Behandlung im Akutbereich. Somit vergeht sehr viel Zeit bis eine Rehabilitation in Anspruch genommen wird. Aus diesem Grund haben wir in den vergangenen Jahren die Zugangsbedingungen zur psychosomatischen Rehabilitation noch einmal genau begutachtet, um Barrieren im Zugang zu unseren Leistungen abzubauen. Wir haben erreicht, dass die strengen Voraussetzungen der psychotherapeutischen Vorbehandlung gelockert worden sind.

So kann heute beispielsweise eine psychosomatische Rehabilitation bereits in Anspruch genommen werden, sobald eine gefährdete Erwerbsfähigkeit vorliegt, selbst wenn noch keine psychotherapeutische Vorbehandlung erfolgt ist. Damit erhöhen sich die Erfolgschancen.

Aktuell entwickeln wir Konzepte, mit deren Hilfe wir Versicherte mit gefährdeter Erwerbsfähigkeit noch früher identifizieren können, um ihnen rechtzeitig pro-aktiv Angebote machen zu können oder anders ausgedrückt, um mit der Rehabilitation eine Brücke in das Erwerbsleben zu bauen. Denn eine gute Arbeit ist relevant für ein erfülltes Leben.

Aus den uns vorliegenden Versicherungsdaten war es uns möglich, einen Risiko-Index für Erwerbsminderung zu entwickeln. Dieser zeigt uns frühzeitig, ob die weitere Teilhabe am Erwerbsleben gefährdet ist. Das ist ein Beispiel für den geglückten Transfer von Erkenntnissen aus der RehaForschung in die Versorgungsrealität, denn die Grundlage für den Risiko-Index bildet eine prozessdatenbasierte Fall-Kontrollstudie der Medizinischen Hochschule Hannover mit der DRV Bund.

Auf deren Basis wiederum ist in einer großen Studie (mit rund 350.000 Versicherten) ein für ganz Deutschland repräsentatives Modell entwickelt worden. Erstmalig haben wir dadurch ermitteln können, dass wir allein anhand unserer vorliegenden Routinedaten, also Daten, die keine medizinischen Informationen enthalten, verlässliche Risikofaktoren identifizieren können.

Der Risiko-Index unterstützt somit unseren präventiven Ansatz wirkungsvoll, denn wir wissen: Je früher eingegriffen werden kann, desto stärker profitieren alle Beteiligten. Die Menschen bleiben gesund und können weiterhin am alltäglichen Leben teilhaben und auch arbeiten, was weit mehr als nur die monetären Aspekte betrifft. Die Unternehmen behalten ihre Fachkräfte und reduzieren Fehlzeiten. Die Sozialversicherung nimmt weiterhin Beiträge ein und die gesetzliche Rentenversicherung zahlt weniger Erwerbsminderungsrenten.

Die Bedeutung der psychosomatischen Rehabilitation der gesetzlichen Rentenversicherung wird nicht zuletzt durch ihre Wirksamkeit deutlich:
83 Prozent unserer Rehabilitandinnen und Rehabilitanden können als voll leistungsfähig für den allgemeinen Arbeitsmarkt entlassen werden.

Mit unserem Qualitätssicherungsprogramm überprüfen wir kontinuierlich die Effekte der psychosomatischen Rehabilitation. Ein wichtiges Instrument dieses Programms ist die Befragung der Rehabilitandinnen und Rehabilitanden nach dem subjektiven Behandlungserfolg. 75 Prozent der Befragten geben an, dass sich ihre psychosomatischen Beschwerden durch die Rehabilitation gebessert hätten. Darüber hinaus werden auch die Inhalte und das Spektrum der multidisziplinären, therapeutischen Leistungen durch unser Qualitätssicherungsprogramm regelmäßig analysiert. Dadurch können wir die Einhaltung definierter Behandlungsempfehlungen garantieren.

Konzepte, Behandlungsvorgaben und Angebote der Rentenversicherung befinden sich in einem dynamischen Entwicklungsprozess. Wir betrachten es als essentiell, den Transfer von Erkenntnissen aus der Forschung in den Versorgungsalltag zu ermöglichen und zu fördern. Dafür benötigen wir stabile Brücken zwischen Theorie und Praxis, die Muße einander zuzuhören und den Mut, die Perspektive zu wechseln und auch neue, kreative Ideen zuzulassen.

Somit ist es ein großer Gewinn, wenn wir uns als Partnerinnen und Partner verstehen und gemeinsam daran arbeiten, von „Mind the gap“ zu „Bridge the gap“ überzugehen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Kongressteilnehmerinnen und Kongressteilnehmern Mut, Muße und ein gewinnbringendes Miteinander!

Brigitte Gross

Grußwort der Vizepräsidentin der Bundesärztekammer

Heidrun Gitter
Heidrun Gitter

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,

 

Mind The Gap ist ein trefflich gewähltes Motto für diesen Kongress, weil es doch gerade auf das Fachgebiet der Psychosomatischen Medizin so wunderbar passt: Die ganzheitliche Betrachtung des kranken Menschen, die untrennbare Einheit von Körper und Seele, sind zwar Bestandteil der Aus- und Weiterbildung aller Ärztinnen und Ärzte, aber Fachärztinnen und Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sind natürlich diejenigen, die sich sowohl in der Versorgung als auch in der Forschung besonders intensiv nicht nur mit den spezifischen Erkrankungen des Gebiets befassen, sondern auch mit den Konsequenzen für die allgemeine ärztliche Versorgung. Sie helfen uns dabei zugleich auch, Patienten vor politischen Bestrebungen zu bewahren, in eine künstliche und falsche Trennung von Körper und Seele bei der Patientenversorgung zurückzufallen. Eine Versorgungsplanung, die diese ganzheitliche Betrachtung und die Wechselwirkungen zwischen Körper und Seele ignoriert, wird nicht erfolgreich sein, weil sie am Bedarf vorbei plant. Deshalb wird sich die Bundesärztekammer gemeinsam mit den Fachverbänden auch dafür einsetzen, dass einerseits im ambulanten Versorgungsbereich Strukturen geschaffen und gestärkt werden, die Kooperationen zwischen den Fachärztinnen und Fachärzten (unter Einbezug der Hausärztinnen und Hausärzte) und den ärztlichen und nicht-ärztlichen Psychotherapeuten stützen, damit insbesondere schwer und chronisch Kranke mit psychischen, psychiatrischen und psychosomatischen Erkrankungen gut versorgt werden können.

Andererseits müssen im stationären Bereich endlich die Mindestpersonalvorgaben weiterentwickelt und angepasst werden an zeitgemäße Bedarfe und unter Stärkung der Psychotherapie. Auch hier macht es wenig Sinn nach aufgestellten Betten und ohne Beachtung aller Berufsgruppen zu agieren. Vielmehr muss sich die Personalplanung an den Bedürfnissen der Patienten ausrichten, um eine Behandlung auf der Grundlage des aktuellen medizinischen Wissensstands zu ermöglichen. Die Bundesärztekammer ist überzeugt davon, dass nur im kooperativen und wertschätzenden Miteinander auch zwischen den an der Behandlung und Versorgung beteiligten Berufsgruppen eine gute, sinnvolle und ressourcenschonende Patientenversorgung zu organisieren ist. Mind the gap also auch hier.

Auch in der Forschung machen Kooperationen Sinn, denn sie fördern den wissenschaftlichen Austausch, verbessern die Datenlage und sorgen für eine schnellere Implementierung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die gesamte Patientenversorgung. Der diesjährige Kongress spiegelt diese Ziele sowohl in der Themenauswahl als auch in den Referenten aus dem In- und Ausland wieder. Wir dürfen uns also auf spannende Tage freuen. Ich wünsche Ihnen einen guten Kongress und interessante, brückenbauende Gespräche.

Dr. Heidrun Gitter