Mittwoch, 18.03.2020

16:00 - 17:30 Uhr

17:30 - 18:30 Uhr

Vorsitz: W.A. Langewitz, Basel, Schweiz

Als Königsdisziplin der einfühlsamen Kommunikation mit Betroffenen gilt das Mitteilen schlechter Nachrichten. Allerdings klaffen gerade in diesem Bereich die Meinungen von Kommunikations-Expertinnen, klinisch Tätigen und Betroffenen weit auseinander. Was von Experten empfohlen wird und Inhalt und Struktur von Kommunikationsschulungen prägt, wird von Betroffenen meist nicht als ‘professionell’ erkannt; sie schätzen an den Ärztinnen und Ärzten, die sie betreuen, ganz andere Qualitäten wie Aufrichtigkeit, Kompetenz, sorgfältiges Informieren. Der Vortrag wird belegen, dass Experten gut daran tun, auf die Betroffenen und die klinisch Tätigen zu hören, wenn Empfehlungen für gelungene Kommunikation verbreitet werden.
Peter Salmon ist Professor für Klinische Psychologie an der Universität Liverpool und der Autor zahlreicher grundlegender empirischer Arbeiten zur Kommunikation zwischen Fachpersonen und Patienten, in denen er und seine Arbeitsgruppe über die Ergebnisse großer qualitativer Studien berichten, in denen Betroffene, Pflegende und klinisch tätige Ärzte zu Wort kommen. In z.T. heftig angefeindeten Grundlagen-Artikeln plädieren er uns seine Kolleginnen für mehr Bescheidenheit der Experten und größere Beteiligung der miteinander konkret interagierenden Personen.

 

The evidence-practice gap in clinical communication in cancer care: evidence-based practice first needs practice-based evidence!

To communicate well with their patients, cancer doctors have been exhorted to respect patients’ autonomy by providing detailed information and choice around treatment options and to build clinical relationships by engaging emotionally with patients. Guidance can, of course, only provide starting points for engaging with the complexity of patients’ needs. Nevertheless, the evidence points to starting points that are, in important respects, the opposite to these recommendations.

P. Salmon, Liverpool, Vereinigtes Königreich

 

Donnerstag, 19.03.2020

08:30 - 10:00 Uhr

Vorsitz: C.S. Weber, Berlin, Deutschland

Psychokardiologie: Die Zukunft hat schon begonnen!
K.H. Ladwig, München, Deutschland

Bridging the gaps: Collaborative Care and behavioral changes in patients with cardiac disease
B. Rollman, Pittsburgh, Vereinigte Staaten

 

Karl-Heinz Ladwig und Bruce Rollman sind renommierte Experten der psychosozialen kardiovaskulären Medizin, der die Plenarveranstaltung gewidmet ist.

Prof. Karl-Heinz Ladwig, Professor für Psychosom. Medizin und Med. Psychologie am Universitäts-Klinikum Rechts der Isar und im HelmholtzZentrum München. Er ist Mitglied der Munich Heart Alliance im Deutschen Zentrum für Herzkreislauf-Forschung (DZHK). Auf der Grundlage umfangreicher klinischer und populationsbasierter Kohortenstudien hat er zahlreiche Publikationen zur Identifizierung von psychosozialen Risikofaktoren und deren Assoziationen mit biologischen Faktoren hervorgebracht. In seinem Vortrag wird er die komplexen psycho-bio-sozialen Zusammenhänge bei kardiologischen Erkrankungen reflektieren und die Erfolgsgeschichte der Psychokardiologie in den letzten 20 Jahren sowohl auf klinischem wie wissenschaftlichem Gebiet darstellen.

Prof. Bruce Rollman, Internist und Psychiater aus Pittsburgh, USA, widmet sich dem Kongresstitel “Bridging the gap” unter dem Blickwinkel der Verschränkung von ambulanter und klinischer Versorgung von Patienten mit Herz- und anderen somatischen Erkrankungen und Depression und Ängsten. Integrative innovative Versorgungskonzepte (Collaborative Care) mit Einsatz von smarter Technologie durch nicht-ärztliches Personal werden zur besseren integrierten Versorgung von Patienten mit Herzinsuffizienz und komorbider Depression in einem nicht-psychiatrischen Setting eingesetzt und evaluiert.

Vorsitz: W. Rief, Marburg, Deutschland; P. Henningsen, München, Deutschland

 

Warum die Verletzung von Patientenerwartungen zentral für eine erfolgreiche Psychotherapie ist
W. Rief, Marburg, Deutschland

Embodiment und unbewusste Beziehungserwartungen in der psychodynamischen Psychotherapie
P. Henningsen, München, Deutschland

Konsequenzen zur weiteren Optimierung psychotherapeutischer Prozesse
P. Henningsen, München, Deutschland
W. Rief, Marburg, Deutschland

 

Die Korrektur ungünstiger Patienten-Erwartungen ist bei vielen psychotherapeutischen Behandlungsansätzen ein implizites oder explizites Behandlungsziel. Frühere Konzepte von „korrigierenden Erfahrungen“ in der psychotherapeutischen Beziehungsarbeit können damit genauso in Verbindung gebracht werden wie das moderne, revidierte Verständnis von Expositionstherapien. Der psychotherapeutische Fokus auf Patienten-Erwartungen erhält neue Dynamik durch zwei aktuelle Forschungsentwicklungen: Erwartungen nicht nur als Motor von Placebo-und Nocebo-Effekten (Petrie & Rief 2019), sondern auch als Kernmerkmal psychischer Erkrankungen legt einen stärkeren psychotherapeutischen Fokus auf Erwartungen nahe („Erwartungsfokussierte Psychotherapie“). Daneben hat sich das Verständnis der Funktion unseres Gehirns deutlich verändert und betont die permanente Prädiktion erwarteter Ereignisse („prediction coding“). Daraus leiten sich auch neue Störungsmodelle zum Beispiel für somatische Belastungsstörung ab (Henningsen et al. 2018)
In diesem Beitrag werden zum einen diese Grundlagen und Entwicklungen im Überblick vorgestellt. Implikationen zu einem besseren Verständnis von Krankheitsprozessen und insbesondere ihrer Aufrechterhaltung, jedoch auch zur Veränderung dieser Prozesse durch Psychotherapie werden vorgestellt. Erwartungsverletzung wird unter unterschiedlicher Perspektive beleuchtet, wie zum Beispiel bzgl. Beziehungserwartungen, impliziten Erwartungen, Erwartungen und Embodiment, Verhinderung von Erwartungsveränderungen durch kognitive Immunisierung oder Erwartungsveränderung durch intensive korrigierende Erfahrung (Exposition). Es wird daraus abgeleitet, wie Psychotherapie unterschiedlicher Profilierung und Herkunft diese Prozesse der Erwartungsaufrechterhaltung und -veränderung noch mehr berücksichtigen und darauf fokussieren können.
Die beiden Referenten werden sich während den Präsentationen mehrfach abwechseln.

Vorsitz: C. Messer, Deutschland; M.E. Beutel, Mainz, Deutschland

Big Data – Wirkungen und Nebenwirkungen
G. Antes, Freiburg, Deutschland

Psychodynamische Interventionen Online und Online Interventionen in der Psychotherapie. Lässt sich das kombinieren?
R. Zwerenz, Mainz, Deutschland
M.E. Beutel, Mainz, Deutschland

 

Die Digitalisierung macht auch vor der Psychosomatik und Psychotherapie nicht Halt und es hilft wenig, das Thema zu verdrängen. Im Sinne eines proaktiven Copings soll dieses Symposium zwei unterschiedliche Aspekte aufgreifen:  Im Rahmen der Dokumentation und Qualitätssicherung werden zunehmend große Datenmengen generiert, aus denen sich durch neue Auswertungsstrategien bis hin zur künstlichen Intelligenz neue Erkenntnisse z. B. zur Erkennung von Risikoverläufen gewinnen lassen. Über die damit verbundenen Chancen und Risiken wird G. Antes berichten.  Für jüngere (digital natives) PatientInnen wird es zunehmend selbstverständlich, psychotherapeutische Hilfe Ionlinet anzunehmen und durch das Digitale-Versorgungs-Gesetz wird der Weg von digitalen Behandlungsangeboten in die Praxis gebahnt. In der Psychotherapie ist die blended therapy, also die Kombination von konventioneller Therapie mit Internet- oder mobilebasierten Angeboten, ein vielversprechender Ansatz. R. Zwerenz und M. Beutel stellen Anwendungsmöglichkeiten im Bereich der psychodynamischen Psychotherapie vor.

Vorsitz: H. Gündel, Ulm, Deutschland

Psychosomatics at work: Psychosomatische Sprechstunde im Betrieb
E. Rothermund, Ulm, Deutschland
Findet die Reha Konzepte gegen die Chronifizierung?
U. Adam-Kessler, Teltow, Deutschland

 

Noch viel zu häufig wird das Thema Arbeitswelt aus psychotherapeutischen Behandlungen ausgeklammert, obwohl ein erwerbstätiger Mensch rund ein Drittel seiner Zeit mit der Arbeit verbringt. Hierbei ist für viele Menschen die Arbeit Freud und Leid zugleich: Ist sie einerseits notwendiges Übel zum Erwerb des Lebensunterhaltes, bietet sie andererseits die Möglichkeit zum Aufbau von Selbstwert, Struktur, sozialen Kontakten und anderen positiven Erfahrungen. Psychosomatische Fragestellungen beschäftigen sich mit der Prävention und Bewältigung von arbeitsplatzbezogenen Problemen wie bspw. Mobbing, Burn-Out und spezifischen Ängsten.  Das Konzept einer psychosomatischen Sprechstunde im Betrieb (PsiB) bringt den Therapeuten quasi zum Patienten: Untersuchungsergebnisse zeigen, dass Patienten hierdurch frühzeitiger eine Intervention erhalten, aber auch ein anderes Klientel als in der psychotherapeutischen Regelversorgung angesprochen wird. Bisherige Erfahrungen und Ergebnisse werden referiert und eine geplante Multi-Center-Studie vorgestellt.  Im zweiten Teil des Symposiums wird auf aktuelle Konzepte der Medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation (MBOR) in der Psychosomatik eingegangen. Aktivität und Teilhabe am Erwerbsleben sind bei psychosomatisch Kranken vor allem durch interaktionelle und motivationale Probleme eingeschränkt. Diese gilt es durch eine bewusste Gestaltung des therapeutischen Milieus im Graweschen Sinne der Problemaktualisierung in den Fokus zu rücken, Klärungsprozesse zu induzieren und Ressourcen zu aktivieren. Dargestellt wird beispielhaft die Intervention mittels einer ergotherapeutischen Projektgruppe als Erfahrungsraum stellvertretend für die Arbeitswelt in Kopplung mit einer indikativen Psychotherapiegruppe, wo Reflektion und das Erarbeiten von Lösungsstrategien ablaufen. Eingegangen wird auch auf die Schnittstellenproblematik zwischen den beteiligten Akteuren.

16:15 - 17:45 Uhr

Vorsitz: C. Flückiger, Zürich, Schweiz

Realizing the mass public benefit of psychological therapies: learning from the English IAPT programme.

D. Clark, Oxford, Vereinigtes Königreich

In most countries, only a few people get access to effective psychological therapies for mental health problems. The English Improving Access to Psychological Therapies (IAPT) programme has started to overcome this problem. Around 600,000 people with anxiety disorders and/or depression have a course of treatment in iAPT services each year, outcome data is available for  99%. Approximately 7 in every 10 (68%) show reliable improvement and 5 in every 10 (52%) meet recovery criteria. How the programme works and lessons that have been learned will be described
Mind the Gap – zwischen Kurz- und Langzeitbehandlungen
C. Benecke, Kassel, Deutschland

 

 

Lange Wartezeiten auf Therapieplätze sind eines der großen ungelösten Probleme in der psychotherapeutischen Versorgung. Aktuell wurde die Debatte in Deutschland durch den Vorschlag, mit einer besseren Honorierung der ersten Therapiestunden Kurztherapien zu fördern emotional aktiviert.
Mit dem von David Clark für den National Health Service entwickelten IAPT-Konzept ist es gelungen, allein in den Jahren 2014 und 2015 über 1,3 Millionen Menschen den Zugang zu Psychotherapie zu ermöglichen. Auf diese Weise bekamen auch ansonsten „psychotherapieferne“ Bevölkerungsgruppen die Möglichkeit einer effektiven Behandlung vor allem von Angststörungen und Depression, was einen wichtigen sozialpolitischen Auftrag erfüllte. Kritisiert wurde jedoch die relativ geringe Erfolgsrate und die hohe Belastung der TherapeutInnen.
Cord Benecke geht in seinem Vortrag auf die Daten ein, die für eine längerfristig angelegte Psychotherapie sprechen. Ziel ist eine rationale Strategie, um möglichst frühzeitig die individuell erforderliche Therapiedosis und das passende therapeutische Setting zu ermitteln.

Vorsitz: K. Weidner, Dresden, Deutschland; M. Franz, Düsseldorf, Deutschland

Mind the Cut: Beschneidung und Folgen

J. Segal, Paris, Frankreich

Seit dem Kölner Urteil von Mai 2012 ist die Beschneidung ein Dauerbrenner in den deutschsprachigen Medien. Die Gesetzgebung wurde nach erheblichem Druck durch religiöse Lobbygruppen Ende 2012 geändert, aber nicht zugunsten der Betroffenen – und auch ohne die Betroffenen selber zu hören. Vorrang hatte eine angebliche Religionsfreiheit, obwohl, nach einer Analyse der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (2014), derzeit pro Jahr ca. 400 „Knabenbeschneidungen“ aufgrund von Komplikationen im Krankenhaus stationär nachbehandelt werden müssen. Bei einer Komplikationsrate von ca. 5 % (unter fachchirurgischen Bedingungen) sind die Folgen von Beschneidungen aber nicht nur physisch, unmittelbar nach der Zirkumzision, sondern auch psychologischer Art, manchmal führen sie erst viel später zu Beschwerden. Psychotherapeuten berichten von beschnittenen Männern, die eine traditionelle Beschneidung als Vergewaltigung erlebt haben. Andere haben den Eindruck, sie wurden von der Mutter verraten, und leiden seitdem unter einer gestörten Beziehung zu Frauen. Das Thema Beschneidung bleibt in der Ausbildung der Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie leider in der Regel unerwähnt . Betroffene Männer berichten oft von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die verständnislos und unaufgeklärt oder sogar verunsichert auf ihre Schilderungen und ihr Leiden reagieren. Deswegen ist es von großer Bedeutung, dass die möglichen leidvollen Folgen der Jungenbeschneidung in der Psychosomatischen Medizin und der ärztlichen Psychotherapie endlich angemessen wahrgenommen werden.


Psychische Gesundheit und psychosomatische Probleme bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse aus der KiGGS-Studie.

R. Schlack, Berlin, Deutschland
Bundesweit repräsentative epidemiologische Daten zur psychischen Gesundheit und zu psychosomatischen Problemen von Kinder und Jugendlichen stehen aus der KiGGS-Studie und ihrem Vertiefungsmodul zur psychischen Gesundheit, der BELLA-Studie, zur Verfügung. Die KiGGS-Basiserhebung wurde von 2003-2006 in 167 Städten und Gemeinden Deutschlands durchgeführt. Die Daten der KiGGS-Studie umfassen mittlerweile drei Erhebungen über einen Zeitraum von 11 Jahren. Dabei wurden sowohl wiederholte unabhängige Querschnittuntersuchungen durchgeführt als auch die Teilnehmenden der KiGGS-Basiserhebung als Kohorte weiterbeobachtet. Es liegen somit sowohl Informationen zu Prävalenzen aus der aktuellen KiGGS Welle 2 (2014-2017), zeitlichen Trends in der Häufigkeit über 11 Jahre als auch zu individuellen Verläufen bis in das junge Erwachsenenalter hinsichtlich verschiedener Gesundheitsparameter vor. Ergebnisse: Die Prävalenz psychischer Auffälligkeiten gemäß psychopathologischem Screening mit dem Strenghts and Difficulties Questionnaire (SDQ) liegt aktuell bei 16,9 % (Jungen: 19,1%, Mädchen: 14,6%), die Häufigkeit elternberichteter, ärztlich oder psychologisch gestellter ADHS-Diagnosen bei 4,4% (Jungen: 6,5%, Mädchen: 2,3%). Über einen Zeitraum von 11 Jahren ist die Häufigkeit der jeweiligen Indikatoren um 15% bzw. 17% zurückgegangen. Die Rückgänge betreffen ausschließlich Jungen, jedoch in unterschiedlichen Altersbereichen. Während psychische Auffälligkeiten bei Jungen im Altersbereich von 11-17 Jahren rückläufig waren, betrafen die Rückgänge bei den ADHS-Diagnosen den Altersbereich 3-8 Jahre. Eine Screeningdiagnose ‚Somatoforme Schmerzstörung‘ in Anlehnung an ICD-10 (F45.4) ließ sich aus den Angaben zu Schmerzen in der KiGGS-Basiserhebung bilden. Die Prävalenz lag hier bei 8,3% für Jungen und 3,5% für Mädchen. Unter der Risikoassoziation einer Gewalterfahrung kehrten sich die Wahrscheinlichkeiten für die Geschlechter allerdings um (sog. „Gender Paradox). In einer Längsschnittbetrachtung mit Daten der BELLA-Studie über drei Messzeitpunkte im Zeitraum von zwei Jahren zeigte sich, dass psychosomatische Probleme  im individuellen Lebensverlauf im Elternbericht langsam zunehmen, im Selbstbericht bei 11- bis 17-Jährigen war diese Zunahme etwas stärker ausgeprägt. Hypothesen zur Erklärung dieser Ergebnisse werden diskutiert.

Kinder- und Jugendlichenpsychosomatik aus der Perspektive der prakizierten systemischen Familientherapie
S. Schmidt, Freiburg, Deutschland

 

In dieser Hauptveranstaltung werden zum ersten Mal im Rahmen unseres Jahreskongresses Themen aus dem auch für unseren Facharzt relevanten Bereich der Kinder-Jugend-Familienpsychosomatik gebündelt vorgestellt. Dies betrifft sehr spezielle klinische Aspekte (Genitalbeschneidung bei Jungen) wie auch großformatige epidemiologische Fragestellungen und angesichts der neueren Entwicklung im Bereich zugelassener Psychotherapieverfahren die systemische Therapie.

Vorsitz: M. Broda

 

Was macht die Akut-Psychosomatik- wofür braucht es die Reha und wie ist der Bezug zur ambulanten Versorgung?
H. Gündel, Ulm, Deutschland
Psychosomatische Rehabilitation: Wie lässt sich eine gut funktionierende Versorgungskette schmieden?
V. Köllner, Teltow, Deutschland
Psychosomatische Praxis: Schnittstelle – Halt geben – Bindung
B. Bergander, Hennigsdorf/Berlin, Deutschland

 

Mit einem dichten Netz an niedergelassenen Psychosomatikern und Psychotherapeuten, psychosomatischer Krankenhausbehandlung und Psychosomatischer Rehabilitation hat Deutschland im internationalen Vergleich hervorragend ausgebaute und ausdifferenzierte Versorgungsstrukturen. Probleme bereiten allerdings die Schnittstellen zwischen den Sektoren. Oft geht der Effekt einer stationären Behandlung während der monatelangen Wartezeit auf eine ambulante Therapie nach einer stationären Behandlung wieder verloren. Kommunikation von ambulanten und stationären Behandlern wird nicht honoriert und findet deshalb viel zu selten statt. Und der Unterschied zwischen Psychosomatischer Rehabilitation und Krankenhausbehandlung ist nicht scharf definiert – welches Angebot hat wann seinen optimalen Platz in der Versorgungskette, welche Aufgaben hat die Schnittstelle der Versorgungspraxis Psychosomatische Medizin und Psychotherapie? Ziel dieser Session ist es, diese Fragen gemeinsam mit den Teilnehmern zu diskutieren und Lösungsansätze zu erarbeiten.

Vorsitz: W. Söllner, Nürnberg, Deutschland

Getting back in control: psychological treatment within a collaborative care program for depressed cancer patients

J. Walker, Vereinigte Staaten

Die Kontrolle wieder erlangen: Psychologische Behandlung im Rahmen eines Collaborative Care Programms für depressive Krebspatienten
Das Collaborative Care Programm „Depression Care for People with Cancer (DCPC)“ hat sich in mehreren randomisiert-kontrollierten Studien als äußerst effektiv erwiesen. Bei diesen Collaborative Care-Programmen kooperieren onkologische Ärzte und Pflege, Psychiater, Psychologen und Care Manager im Rahmen eines individuellen Behandlungsplans. Dabei werden neben den üblichen supportiven Sitzungen proaktiv Follow-up-Untersuchungen, je nach Bedarf gestufte psychosoziale Unterstützung und ein von einer Cancer Nurse geleitetes Outcome-Monitoring durchgeführt. Die darin enthaltenen psychologischen Behandlungen zur Verhaltensaktivierung und Problemlösung sollen die Patienten unterstützen und ihr Kontrollgefühl stärken. Die Erfahrung mit der Behandlung von Krebspatienten mit guter und schlechter Prognose wird beschrieben.
Out with the old, in with the new? What is proactive integrated C-L psychiatry and why might it work?

M. Sharpe, Vereinigte Staaten

Was sind proaktive integrierte CL-Dienste und warum könnten sie funktionieren?  Stationäre internistische und chirurgische Patienten haben häufig psychiatrische Bedürfnisse. Dies gilt insbesondere für ältere Patienten, die häufig an Multimorbidität leiden. Es gibt jedoch nur begrenzte Belege für die Wirksamkeit traditioneller C-L-Dienste bei der Behandlung dieser Patienten. Es wird ein neues proaktives Modell der CL-Versorgung beschrieben, das ein psychosoziales Assessment und eine fortlaufende integrierte Versorgung ermöglicht. Vorläufige Studien aus den USA zu diesem Ansatz sind vielversprechend und eine randomisiert-kontrollierte Studie wird dazu derzeit in England durchgeführt.

Freitag, 20.03.2020

08:30 - 10:00 Uhr

Translational Psychosomatic Medicine of Asthma: Foundation in Psychobiology
T. Ritz, Dallas, Vereinigte Staaten
Diabetes mellitus – eine psychosomatische Herausforderung in Forschung und Versorgung.
J. Kruse, Gießen/Marburg, Deutschland

 

Prof. Thomas Ritz, Dallas, USA fokussiert in seinem Vortrag psycho-biologische Faktoren von Asthma und die Interaktion mit negativen Affekten. Darüberhinaus schlägt er den Bogen zu psychosozialen Interventionen auf der Basis dieser psycho-biologischen Modelle mit dem Ziel einer besseren Kontrolle von negativen Affekten, die die Prognose des Erkrankungsverlaufs und die Lebensqualität der Patienten verbessern. Prof. Dr. Johannes Kruse, Gießen und Marburg, widmet sich den psychosomatischen Herausforderungen der Volkskrankheit Diabetes mellitus und skizziert die bidirektionalen psychosomatischen Zusammenhänge. Auch hier wird der Gap zwischen Forschung und Versorgung geschlossen und es werden Modelle zur besseren integrierten Versorgung der Patienten vorgestellt.

Vorsitz: V. Köllner, Teltow, Deutschland
Was macht Psychotherapie erfolgreich?
C. Flückiger, Zürich, Schweiz
Sport- und Bewegungstherapie als Ressource in Psychotherapie und Psychosomatik
G. Huber, Heidelberg, Deutschland

 

In dieser Hauptveranstaltung gibt Christoph Flückiger zunächst einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu Wirkfaktoren der Psychotherapie und frühen Hinweisen auf einen erfolgreichen oder möglicherweise problematischen Therapieverlauf.
Bewegungstherapie und Ausdauertraining sind hochwirksame Antidepressiva. Bei der Behandlung chronischer Schmerzen erzielen sie oft höhere Effektstärken als Psychotherapie. Trotzdem werden sie im psychosomatischen Gesamtbehandlungsplan vor allem im ambulanten Bereich deutlich weniger berücksichtigt als z. B. Entspannungsverfahren. Im Vortrag von Prof. Huber sollen daher Wirkfaktoren von Bewegung bei psychischen und psychosomatischen Krankheitsbildern sowie Forschungsergebnisse zur Kombination von Bewegung und Psychotherapie dargestellt werden. Abschließend sollen Möglichkeiten und Barrieren der Kombination diskutiert werden.

Vorsitz: C. Herrmann-Lingen, Göttingen, Deutschland
Die Entwicklung der Ökonomisierung der Medizin in Deutschland
M. Simon, Bielefeld, Deutschland
Die Veränderung des medizinischen Denkens, Handelns und Fühlens in einem ökonomisierten Gesundheitswesen.
T. Hofmann, Berlin, Deutschland

Ökonomisierung und Kommerzialisierung der Krankenhäuser nehmen zu. Die Gründe hierfür sind u.a. in den unzureichenden öffentlichen Investitionen, dem in den 1980er Jahren sukzessive aufgehobenen Profitverbot für Krankenhäuser und ihrer zunehmenden Privatisierung sowie in der Einführung pauschalierter Entgeltsysteme (wie zuletzt auch für die Psychosomatik) zu suchen. Dies hat unmittelbare Folgen für das (psychosozial ausgerichtete) medizinische Handeln und resultiert in einer unter immer größerem zeitlichem und monetärem Druck ablaufenden Krankenversorgung und dem Resultat einer Über-, Unter- und Fehlversorgung der Patient*innen sowie Unzufriedenheit und Überlastung des Personals. Seit einiger Zeit werden diese Fehlentwicklungen von Initiativen, Fachgesellschaften, Ärztekammern und auch in den Medien breiter diskutiert. Nicht zuletzt durch den Personalmangel in der Pflege und die Pflegestreiks ist das Thema auf der politischen Agenda. Die Vorträge der Veranstaltung sollen zunächst einen Überblick über die Entwicklung und die Hintergründe der Ökonomisierung im Gesundheitswesen geben, um dann aus ärztlicher Perspektive die Auswirkungen auf das medizinische Handeln speziell in der Psychosomatik zu beleuchten.

Vorsitz: C. Messer, Berlin, Deutschland; I. Pfaffinger, München, Deutschland
Die Psychosomatische Praxis: mehr als nur Richtlinienpsychotherapie!
N. Hartkamp, Solingen, Deutschland
Innovative Konzepte zur Facharztweiterbildung in der Praxis
C. Messer, Berlin, Deutschland
Eine Praxis weit im Osten der Stadt: Psychosomatische Medizin in Berlin-Marzahn
P. Vogelsänger, Berlin, Deutschland
Die Psychosomatische Praxis mit verhaltenstherapeutischem Schwerpunkt
H. Manzinger, München, Deutschland
Mit der Einführung des Facharztes für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie hat die Psychosomatische Praxis ein eigenes Profil entwickelt, das deutlich über die Richtlinienpsychotherapie hinausgeht. Sie übernimmt damit sowohl in der Versorgung als auch in der Versorgungskoordination für Patienten mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen eine wichtige Funktion. Auch sehr gut versorgte Großstädte wie Berlin weisen erhebliche regionale Unterschiede bei der fachärztlichen Versorgung bezüglich der Arztdichte auf. Wie kann auch in diesen eher unterversorgten Regionen die spezialisierte Versorgung psychosomatisch Kranker gelingen, wo kommt sie an Grenzen und welche z. T. innovativen Konzepte könnten die Versorgung noch verbessern? Verschiedene Konzepte zu Versorgung und Weiterbildung werden dargestellt und diskutiert.

16:00 - 16:45 Uhr

16:45 - 17:45 Uhr

Vorsitz: V. Köllner, Teltow, Deutschland

 

“Betwixt and between”. Die Kunst, es durch die Schwellenzustände des Lebens schaffen
D. Schreiber, Berlin, Deutschland

Der britische Ethnologe Victor Turner prägte 1964 in einem kleinen Aufsatz einen Begriff, der die Geisteswissenschaft revolutionieren sollte: den der Liminalität. In Rückgriff auf seine Forschungen zur Kultur der Ndembu in Sambia, bezeichnete er damit die “Schwellenzustände” im Leben von Gruppen oder einzelner Menschen, etwa den Übergang von der Pubertät zum Erwachsenenalter. In den meisten Gesellschaften, so Turner, wird dieser Zustand durch Rituale gemeinschaftlich bewältigt.

Heute leben wir in einer Zeit, in der sich solche Schwellenzustände in unseren Leben vervielfacht haben. Wir ziehen häufig um, wechseln unsere Jobs und Karrieren, anstatt der einen langen, führen wir meist mehrere kürzere Liebesbeziehungen in unserem Leben. Wir müssen mit teilweise einschneidenden technologischen und gesellschaftlichen Umbrüchen klarkommen. Und in der Abwesenheit gemeinschaftlicher Rituale müssen wir diese Schwellenzustände noch alleine bewältigen. Wie kann es uns gelingen, dass aus diesen Schwellen keine Schranken werden? Wie können wir mit der Liminalität in unserem Leben umgehen?