Mittwoch, 16.06.2021

16:00 - 18:00 Uhr

Vorsitzende: V. Köllner, Teltow, Deutschland

Grußwort des Kongresspräsidenten 2021
V. Köllner, Teltow, Deutschland

Präsident der Bundesärztekammer
K. Reinhardt, Berlin, Deutschland

Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund
G. Roßbach, Berlin, Deutschland

Grußwort der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM)
J. Kruse, Gießen, Deutschland
Grußwort des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM)
C. Herrmann-Lingen, Göttingen, Deutschland

Präsident der European Association of Psychosomatic Medicine (EAPM)
W. Söllner, Nürnberg, Deutschland

Das „Selbst“ in Krisenzeiten
J. Bauer, Berlin, Deutschland

Univ.-Prof. Dr. Joachim Bauer ist Internist, Psychiater (in beiden Fächern auch habilitiert) und Facharzt für Psychosomatische Medizin. Er war nach seinem Medizinstudium viele Jahre, längere Zeit auch Mount Sinai Medical Center in NYC, in der immunologischen und neurobiologischen Grundlagenforschung tätig. Joachim Bauer war an der Entdeckung von Interleukin-6 beteiligt und erhielt den Organon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie. Er besitzt die Anerkennung als Psychotherapeut in beiden Hauptverfahren (Psychodynamische PT, VT). Bauer publizierte Sachbücher, darunter die Titel „Das Gedächtnis des Körpers“, „Warum ich fühle was du fühlst“ und „Wie wir werden, wer wir sind“. Nach langjähriger Tätigkeit an der Uniklinik Freiburg lebt und arbeitet Prof. Bauer jetzt in Berlin, wo er an der International Psychoanalytic University und an weiteren Einrichtungen lehrt und supervidiert.

18:15 - 19:45 Uhr

Vorsitz: C. Herrmann-Lingen, Göttingen, Deutschland, C.S. Weber, Berlin, Deutschland

Psychokardiologie: Die Zukunft hat schon begonnen!
K.H. Ladwig, München, Deutschland

Bridging the gaps: Collaborative Care and behavioral changes in patients with cardiac disease
B. Rollman, Pittsburgh, Vereinigte Staaten

Karl-Heinz Ladwig und Bruce Rollman sind renommierte Experten der psychosozialen kardiovaskulären Medizin, der die Plenarveranstaltung gewidmet ist.

Prof. Karl-Heinz Ladwig, Professor für Psychosom. Medizin und Med. Psychologie am Universitäts-Klinikum Rechts der Isar und im HelmholtzZentrum München. Er ist Mitglied der Munich Heart Alliance im Deutschen Zentrum für Herzkreislauf-Forschung (DZHK). Auf der Grundlage umfangreicher klinischer und populationsbasierter Kohortenstudien hat er zahlreiche Publikationen zur Identifizierung von psychosozialen Risikofaktoren und deren Assoziationen mit biologischen Faktoren hervorgebracht. In seinem Vortrag wird er die komplexen psycho-bio-sozialen Zusammenhänge bei kardiologischen Erkrankungen reflektieren und die Erfolgsgeschichte der Psychokardiologie in den letzten 20 Jahren sowohl auf klinischem wie wissenschaftlichem Gebiet darstellen.

Prof. Bruce Rollman, Internist und Psychiater aus Pittsburgh, USA, widmet sich dem Kongresstitel “Bridging the gap” unter dem Blickwinkel der Verschränkung von ambulanter und klinischer Versorgung von Patienten mit Herz- und anderen somatischen Erkrankungen und Depression und Ängsten. Integrative innovative Versorgungskonzepte (Collaborative Care) mit Einsatz von smarter Technologie durch nicht-ärztliches Personal werden zur besseren integrierten Versorgung von Patienten mit Herzinsuffizienz und komorbider Depression in einem nicht-psychiatrischen Setting eingesetzt und evaluiert.

Donnerstag, 17.06.2021

08:30 - 10:00 Uhr

Vorsitz: H. Gündel, Ulm, Deutschland

 

Psychologische Abwehrmechanismen in Corona-Zeiten: COVID Verleugnung zur Prozessierung von Distress?
M. Teufel, Essen, Deutschland
Vortrag
T. Michael, Saarbrücken, Deutschland
Vorsitz: C. Messer, Berlin, Deutschland, I. Pfaffinger, München, Deutschland
Die Psychosomatische Praxis: mehr als nur Richtlinienpsychotherapie!
N. Hartkamp, Solingen, Deutschland

Innovative Konzepte zur Facharztweiterbildung in der Praxis
C. Messer, Berlin, Deutschland

Die weitaus meisten Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und ärztlichen Psychotherapeuten sind in der ambulanten Versorgung als Kassenärzte tätig. Insofern kommt in der Weiterbildung der Vermittlung eingehender Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten für die ambulante Versorgung besondere Bedeutung zu. Die Rahmenbedingungen dafür sind vorhanden. Es ist an uns, sie zu nutzen und für die Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung attraktiv auszugestalten.
Eine Praxis weit im Osten der Stadt: Psychosomatische Medizin in Berlin-Marzahn
P. Vogelsänger, Berlin, Deutschland
Die Psychosomatische Praxis mit verhaltenstherapeutischem Schwerpunkt
S. Sulz, München, Deutschland
Mit der Einführung des Facharztes für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie hat die Psychosomatische Praxis ein eigenes Profil entwickelt, das deutlich über die Richtlinienpsychotherapie hinausgeht. Sie übernimmt damit sowohl in der Versorgung als auch in der Versorgungskoordination für Patienten mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen eine wichtige Funktion. Auch sehr gut versorgte Großstädte wie Berlin weisen erhebliche regionale Unterschiede bei der fachärztlichen Versorgung bezüglich der Arztdichte auf. Wie kann auch in diesen eher unterversorgten Regionen die spezialisierte Versorgung psychosomatisch Kranker gelingen, wo kommt sie an Grenzen und welche z. T. innovativen Konzepte könnten die Versorgung noch verbessern? Verschiedene Konzepte zu Versorgung und Weiterbildung werden dargestellt und diskutiert.

10:15 - 11:30 Uhr

Vorsitzende: V. Köllner, Teltow, Deutschland, J. Kruse, Gießen, Deutschland

Was macht Psychotherapie erfolgreich?
C. Flückiger, Zürich, Schweiz

Sport- und Bewegungstherapie als Ressource in Psychotherapie und Psychosomatik

G. Huber, Heidelberg, Deutschland

Bewegung und sportliche Aktivitäten haben für die Prävention, Behandlung und Rehabilitation einer Vielzahl von Erkrankungen inzwischen eine sehr hohe Bedeutung und sind zu einem Mainstreamthema geworden. Die Evidenz für die Wirkung erdrückend.
Vor diesem Hintergrund hat der Einsatz von Sport und Bewegungstherapie Eingang in die Behandlung von psychiatrischen und psychosomatischen Behandlungsstrategien gefunden. Dabei geht es weniger um die Nutzung der Bewegung im Sinne der eher psychotherapeutischen „Körpertherapien“, sondern um den Einsatz einer sportwissenschaftlich begründeten Bewegungstherapie, die sich durch den differenzierten Einsatz von Trainingsformen und Trainingssteuerung auszeichnet. Neben den dadurch erzielten funktionellen und psychosozialen Effekten lassen sich pädagogisch – edukative sowie psychotherapeutische Effekte adressieren. In meinem Beitrag möchte ich einen Überblick über die Evidenzlage, die eingesetzten Methoden und die postulierten Wirkmechanismen geben.

 

In diesem Hauptvortrag gibt Christoph Flückiger zunächst einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu Wirkfaktoren der Psychotherapie und frühen Hinweisen auf einen erfolgreichen oder möglicherweise problematischen Therapieverlauf.
Bewegungstherapie und Ausdauertraining sind hochwirksame Antidepressiva. Bei der Behandlung chronischer Schmerzen erzielen sie oft höhere Effektstärken als Psychotherapie. Trotzdem werden sie im psychosomatischen Gesamtbehandlungsplan vor allem im ambulanten Bereich deutlich weniger berücksichtigt als z. B. Entspannungsverfahren. Im Vortrag von Prof. Huber sollen daher Wirkfaktoren von Bewegung bei psychischen und psychosomatischen Krankheitsbildern sowie Forschungsergebnisse zur Kombination von Bewegung und Psychotherapie dargestellt werden. Abschließend sollen Möglichkeiten und Barrieren der Kombination diskutiert werden.

11:45 - 12:45 Uhr

Psychodynamische Interventionen Online und Online Interventionen in der Psychotherapie. Lässt sich das kombinieren?
R. Zwerenz, Mainz, Deutschland,
M.E. Beutel, Mainz, Deutschland
Ein Jahr online PTN.
Blum, Osnabrück, Deutschland

 

Die Digitalisierung macht auch vor der Psychosomatik und Psychotherapie nicht Halt und es hilft wenig, das Thema zu verdrängen. Im Sinne eines proaktiven Copings soll dieses Symposium zwei unterschiedliche Aspekte aufgreifen:  Im Rahmen der Dokumentation und Qualitätssicherung werden zunehmend große Datenmengen generiert, aus denen sich durch neue Auswertungsstrategien bis hin zur künstlichen Intelligenz neue Erkenntnisse z. B. zur Erkennung von Risikoverläufen gewinnen lassen. Über die damit verbundenen Chancen und Risiken wird G. Antes berichten.  Für jüngere (digital natives) PatientInnen wird es zunehmend selbstverständlich, psychotherapeutische Hilfe anzunehmen und durch das Digitale-Versorgungs-Gesetz wird der Weg von digitalen Behandlungsangeboten in die Praxis gebahnt. In der Psychotherapie ist die blended therapy, also die Kombination von konventioneller Therapie mit Internet- oder mobilebasierten Angeboten, ein vielversprechender Ansatz. R. Zwerenz und M. Beutel stellen Anwendungsmöglichkeiten im Bereich der psychodynamischen Psychotherapie vor.

19:30 - 21:00 Uhr

Vorsitzende: W. Söllner, Nürnberg, Deutschland, F. Geiser, Bonn, Deutschland

 

Long-COVID in the general population: definitions, prevalence and risk factor
J. Rosmalen, Groningen, Niederlande

After recovery from the acute symptoms of COVID-19, a substantial proportion of people continues to have persistent complaints of a physical, psychological and cognitive nature: Long COVID. We studied the development of such complaints during the pandemic in a large general population cohort with frequent questionnaires. Data will be presented on course of specific symptoms before and after COVID-19, and the risk factors for the development of Long COVID.
Looking into the dead angle: collusion revisited
F. Stiefel, Lausanne, Schweiz

Freitag, 18.06.2021

08:30 - 10:00 Uhr

Diabetes mellitus – eine psychosomatische Herausforderung in Forschung und Versorgung.
J. Kruse, Gießen, Deutschland
Die Bedeutung des diabetesbezogenen Distress und die damit einhergehenden bio-psycho-sozialen Interaktionen berichten und wichtige Impulse für die therapeutische Arbeit mit diabeteserkrankten Patienten
B. Kulzer, Deutschland

 

Prof. Dr. Johannes Kruse, Gießen und Marburg, widmet sich den psychosomatischen Herausforderungen der Volkskrankheit Diabetes mellitus und skizziert die bidirektionalen psychosomatischen Zusammenhänge. Auch hier wird der Gap zwischen Forschung und Versorgung geschlossen und es werden Modelle zur besseren integrierten Versorgung der Patienten vorgestellt.

Vorsitz: H. Gündel, Ulm, Deutschland
Warum die Verletzung von Patientenerwartungen zentral für eine erfolgreiche Psychotherapie ist
W. Rief, Marburg, Deutschland
Embodiment und unbewusste Beziehungserwartungen in der Psychotherapie
P. Henningsen, München, Deutschland
Konsequenzen zur weiteren Optimierung psychotherapeutischer Prozesse
P. Henningsen, München, Deutschland
W. Rief, Marburg, Deutschland

 

Die Korrektur ungünstiger Patienten-Erwartungen ist bei vielen psychotherapeutischen Behandlungsansätzen ein implizites oder explizites Behandlungsziel. Frühere Konzepte von „korrigierenden Erfahrungen“ in der psychotherapeutischen Beziehungsarbeit können damit genauso in Verbindung gebracht werden wie das moderne, revidierte Verständnis von Expositionstherapien. Der psychotherapeutische Fokus auf Patienten-Erwartungen erhält neue Dynamik durch zwei aktuelle Forschungsentwicklungen: Erwartungen nicht nur als Motor von Placebo-und Nocebo-Effekten (Petrie & Rief 2019), sondern auch als Kernmerkmal psychischer Erkrankungen legt einen stärkeren psychotherapeutischen Fokus auf Erwartungen nahe („Erwartungsfokussierte Psychotherapie“). Daneben hat sich das Verständnis der Funktion unseres Gehirns deutlich verändert und betont die permanente Prädiktion erwarteter Ereignisse („prediction coding“). Daraus leiten sich auch neue Störungsmodelle zum Beispiel für somatische Belastungsstörung ab (Henningsen et al. 2018)
In diesem Beitrag werden zum einen diese Grundlagen und Entwicklungen im Überblick vorgestellt. Implikationen zu einem besseren Verständnis von Krankheitsprozessen und insbesondere ihrer Aufrechterhaltung, jedoch auch zur Veränderung dieser Prozesse durch Psychotherapie werden vorgestellt. Erwartungsverletzung wird unter unterschiedlicher Perspektive beleuchtet, wie zum Beispiel bzgl. Beziehungserwartungen, impliziten Erwartungen, Erwartungen und Embodiment, Verhinderung von Erwartungsveränderungen durch kognitive Immunisierung oder Erwartungsveränderung durch intensive korrigierende Erfahrung (Exposition). Es wird daraus abgeleitet, wie Psychotherapie unterschiedlicher Profilierung und Herkunft diese Prozesse der Erwartungsaufrechterhaltung und -veränderung noch mehr berücksichtigen und darauf fokussieren können.
Die beiden Referenten werden sich während den Präsentationen mehrfach abwechseln.

Vorsitz: M. Franz, Düsseldorf, Deutschland
Mind the Cut: Beschneidung und Folgen
J. Segal, Paris, Frankreich
Somatoforme Schmerzen bei Kindern und Jugendlichen – epidemiologische Befunde.
R. Schlack, Berlin, Deutschland
Kinder- und Jugendlichenpsychosomatik aus der Perspektive der prakizierten systemischen Familientherapie
S. Schmidt, Freiburg, Deutschland

In dieser Plenarsitzung werden zum ersten Mal im Rahmen unseres Jahreskongresses Themen aus dem auch für unseren Facharzt relevanten Bereich der Kinder-Jugend-Familienpsychosomatik gebündelt vorgestellt. Dies betrifft sehr spezielle klinische Aspekte (Genitalbeschneidung bei Jungen) wie auch bevölkerungsbezogene epidemiologische Fragestellungen und angesichts der neueren Entwicklung im Bereich zugelassener Psychotherapieverfahren die systemische Therapie.

10:15 - 11:30 Uhr

Vorsitzende: C. Flückiger, Zürich, Schweiz, P. Henningsen, München, Deutschland


Realizing the mass public benefit of psychological therapies: learning from the English IAPT programme.
D. Clark, Oxford, Vereinigtes Königreich

In most countries, only a few people get access to effective psychological therapies for mental health problems. The English Improving Access to Psychological Therapies (IAPT) programme has started to overcome this problem. Around 600,000 people with anxiety disorders and/or depression have a course of treatment in iAPT services each year, outcome data is available for  99%. Approximately 7 in every 10 (68%) show reliable improvement and 5 in every 10 (52%) meet recovery criteria. How the programme works and lessons that have been learned will be described

 

Mind the Gap – zwischen Kurz- und Langzeitbehandlungen
C. Benecke, Kassel, Deutschland

Cord Benecke geht in seinem Vortrag auf die Argumente ein, die für eine längerfristig angelegte Psychotherapie sprechen. Ziel ist eine rationale Strategie, um möglichst frühzeitig die individuell erfolgversprechende Therapiedosis und das passende therapeutische Setting zu ermitteln. Daten zur differenziellen Indidation zwischen Kurz- und Langzeitbehandlungen sind rar. Es soll der aktuelle Stand der Forschung dargestellt sowie eine Forschungsstrategie zur Beantwortung dieser Frage skizziert werden.

 

Lange Wartezeiten auf Therapieplätze sind eines der großen ungelösten Probleme in der psychotherapeutischen Versorgung. Aktuell wurde die Debatte in Deutschland durch den Vorschlag, mit einer besseren Honorierung der ersten Therapiestunden Kurztherapien zu fördern emotional aktiviert.
Mit dem von David Clark für den National Health Service entwickelten IAPT-Konzept ist es gelungen, allein in den Jahren 2014 und 2015 über 1,3 Millionen Menschen den Zugang zu Psychotherapie zu ermöglichen. Auf diese Weise bekamen auch ansonsten „psychotherapieferne“ Bevölkerungsgruppen die Möglichkeit einer effektiven Behandlung vor allem von Angststörungen und Depression, was einen wichtigen sozialpolitischen Auftrag erfüllte. Kritisiert wurde jedoch die relativ geringe Erfolgsrate und die hohe Belastung der TherapeutInnen.
Cord Benecke geht in seinem Vortrag auf die Daten ein, die für eine längerfristig angelegte Psychotherapie sprechen. Ziel ist eine rationale Strategie, um möglichst frühzeitig die individuell erforderliche Therapiedosis und das passende therapeutische Setting zu ermitteln.

11:45 - 12:45 Uhr

Vorsitz: C. Herrmann-Lingen, Göttingen, Deutschland

 

Die Entwicklung der Ökonomisierung der Medizin in Deutschland
M. Simon, Hannover, Deutschland

Die Veränderung des medizinischen Denkens, Handelns und Fühlens in einem ökonomisierten Gesundheitswesen.
T. Hofmann, Berlin, Deutschland


Ökonomisierung und Kommerzialisierung der Krankenhäuser nehmen zu. Die Gründe hierfür sind u.a. in den unzureichenden öffentlichen Investitionen, dem in den 1980er Jahren sukzessive aufgehobenen Profitverbot für Krankenhäuser und ihrer zunehmenden Privatisierung sowie in der Einführung pauschalierter Entgeltsysteme (wie zuletzt auch für die Psychosomatik) zu suchen. Dies hat unmittelbare Folgen für das (psychosozial ausgerichtete) medizinische Handeln und resultiert in einer unter immer größerem zeitlichem und monetärem Druck ablaufenden Krankenversorgung und dem Resultat einer Über-, Unter- und Fehlversorgung der Patient*innen sowie Unzufriedenheit und Überlastung des Personals. Seit einiger Zeit werden diese Fehlentwicklungen von Initiativen, Fachgesellschaften, Ärztekammern und auch in den Medien breiter diskutiert. Nicht zuletzt durch den Personalmangel in der Pflege und die Pflegestreiks ist das Thema auf der politischen Agenda. Die Vorträge der Veranstaltung sollen zunächst einen Überblick über die Entwicklung und die Hintergründe der Ökonomisierung im Gesundheitswesen geben, um dann aus ärztlicher Perspektive die Auswirkungen auf das medizinische Handeln speziell in der Psychosomatik zu beleuchten.

13:45 - 14:45 Uhr

Vorsitz: H. Gündel, Ulm, Deutschland, F.M. Rudolph, Boppard-Bad Salzig, Deutschland


Psychosomatics at work: Psychosomatische Sprechstunde im Betrieb
E. Rothermund, Ulm, Deutschland

Rehabilitation for work? Berufliche Orientierung in der Rehabilitation
S. Chrysanthou, Teltow, Deutschland


Noch viel zu häufig wird das Thema Arbeitswelt aus psychotherapeutischen Behandlungen ausgeklammert, obwohl ein erwerbstätiger Mensch rund ein Drittel seiner Zeit mit der Arbeit verbringt. Hierbei ist für viele Menschen die Arbeit Freud und Leid zugleich: Ist sie einerseits notwendiges Übel zum Erwerb des Lebensunterhaltes, bietet sie andererseits die Möglichkeit zum Aufbau von Selbstwert, Struktur, sozialen Kontakten und anderen positiven Erfahrungen. Psychosomatische Fragestellungen beschäftigen sich mit der Prävention und Bewältigung von arbeitsplatzbezogenen Problemen wie bspw. Mobbing, Burn-Out und spezifischen Ängsten.  Das Konzept einer psychosomatischen Sprechstunde im Betrieb (PsiB) bringt den Therapeuten quasi zum Patienten: Untersuchungsergebnisse zeigen, dass Patienten hierdurch frühzeitiger eine Intervention erhalten, aber auch ein anderes Klientel als in der psychotherapeutischen Regelversorgung angesprochen wird. Bisherige Erfahrungen und Ergebnisse werden referiert und eine geplante Multi-Center-Studie vorgestellt.  Im zweiten Teil des Symposiums wird auf aktuelle Konzepte der Medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation (MBOR) in der Psychosomatik eingegangen. Aktivität und Teilhabe am Erwerbsleben sind bei psychosomatisch Kranken vor allem durch interaktionelle und motivationale Probleme eingeschränkt. Diese gilt es durch eine bewusste Gestaltung des therapeutischen Milieus im Graweschen Sinne der Problemaktualisierung in den Fokus zu rücken, Klärungsprozesse zu induzieren und Ressourcen zu aktivieren. Dargestellt wird beispielhaft die Intervention mittels einer ergotherapeutischen Projektgruppe als Erfahrungsraum stellvertretend für die Arbeitswelt in Kopplung mit einer indikativen Psychotherapiegruppe, wo Reflektion und das Erarbeiten von Lösungsstrategien ablaufen. Eingegangen wird auch auf die Schnittstellenproblematik zwischen den beteiligten Akteuren.

15:00 - 16:00 Uhr

Vorsitz: M. Broda, Bad Bergzabern, Deutschland, M. Herrmann, Magdeburg, Deutschland


Was macht die Akut-Psychosomatik- wofür braucht es die Reha und wie ist der Bezug zur ambulanten Versorgung?
H. Gündel, Ulm, Deutschland

Psychosomatische Rehabilitation: Wie lässt sich eine gut funktionierende Versorgungskette schmieden?
V. Köllner, Teltow, Deutschland
Psychosomatische Praxis: Schnittstelle – Halt geben – Bindung
B. Bergander, Hennigsdorf/Berlin, Deutschland


Mit einem dichten Netz an niedergelassenen Psychosomatikern und Psychotherapeuten, psychosomatischer Krankenhausbehandlung und Psychosomatischer Rehabilitation hat Deutschland im internationalen Vergleich hervorragend ausgebaute und ausdifferenzierte Versorgungsstrukturen. Probleme bereiten allerdings die Schnittstellen zwischen den Sektoren. Oft geht der Effekt einer stationären Behandlung während der monatelangen Wartezeit auf eine ambulante Therapie nach einer stationären Behandlung wieder verloren. Kommunikation von ambulanten und stationären Behandlern wird nicht honoriert und findet deshalb viel zu selten statt. Und der Unterschied zwischen Psychosomatischer Rehabilitation und Krankenhausbehandlung ist nicht scharf definiert – welches Angebot hat wann seinen optimalen Platz in der Versorgungskette, welche Aufgaben hat die Schnittstelle der Versorgungspraxis Psychosomatische Medizin und Psychotherapie? Ziel dieser Session ist es, diese Fragen gemeinsam mit den Teilnehmern zu diskutieren und Lösungsansätze zu erarbeiten.

16:50 - 18:20 Uhr

Vorsitz: V. Köllner, Teltow, Deutschland

 

Die Kunst, es durch die die Schwellenphasen des Lebens zu schaffen
D. Schreiber, Berlin, Deutschland

Der britische Ethnologe Victor Turner prägte 1964 in einem kleinen Aufsatz einen Begriff, der die Geisteswissenschaft revolutionieren sollte: den der Liminalität. In Rückgriff auf seine Forschungen zur Kultur der Ndembu in Sambia, bezeichnete er damit die “Schwellenzustände” im Leben von Gruppen oder einzelner Menschen, etwa den Übergang von der Pubertät zum Erwachsenenalter. In den meisten Gesellschaften, so Turner, wird dieser Zustand durch Rituale gemeinschaftlich bewältigt.

Heute leben wir in einer Zeit, in der sich solche Schwellenzustände in unseren Leben vervielfacht haben. Wir ziehen häufig um, wechseln unsere Jobs und Karrieren, anstatt der einen langen, führen wir meist mehrere kürzere Liebesbeziehungen in unserem Leben. Wir müssen mit teilweise einschneidenden technologischen und gesellschaftlichen Umbrüchen klarkommen. Und in der Abwesenheit gemeinschaftlicher Rituale müssen wir diese Schwellenzustände noch alleine bewältigen. Wie kann es uns gelingen, dass aus diesen Schwellen keine Schranken werden? Wie können wir mit der Liminalität in unserem Leben umgehen?