Podiumsdiskussion Psychosomatik kontrovers

Freitag, den 24.03.2017
11:00-12:30 Uhr im Audimax

Primärversorgung psychisch Kranker: Wie viel „Psyche“ muss der Hausarzt können und wann sollte er überweisen?

Diskussionsleitung: P. Henningsen (München)

Diskutanten:

H. Norda (Lübeck)
Sprecherin Unabhängige Vereinigung aktiver Schmerzpatienten in Deutschland SchmerzLOS e. V.

A. Schneider (München)
Sektionssprecher Forschung der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)

J. Kruse (Gießen)
Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM)
Sprecher des Geschäftsführenden Ausschusses der Ständigen Konferenz ärztlicher psychotherapeutischer Verbände (STÄKO)

A. Deister (Itzehoe)
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN)

T. Uhlemann (Berlin)
GKV-Spitzenverband

„Wie viel „Psyche“ muss der Hausarzt können“

H. Norda:
„Grundkenntnisse der Psychologie genügen. Wichtiger sind Menschenkenntnis, Empathie und die Fähigkeit/Bereitschaft zum echten Zuhören.“

J. Kruse:
„Er sollte die normalen psychischen Reaktionen wie z. B. intensive Trauer, Angst und Belastungsreaktionen erkennen, ohne sie zu pathologisieren und den Patienten unterstützen.
Er sollte sich mit Fragen der Krankheitsbewältigung und ihrer Interaktion mit psychosozialen Faktoren auskennen.
Er sollte die subjektive Seite des Krankheitsgeschehens mit seiner Gesprächsführung erfassen.
Er sollte die psychosozialen Belastungen im Zusammenhang mit den somatischen Erkrankungen im Rahmen einer bio-psycho-sozialen Diagnose zusammenfassen.
Er sollte Patienten in Krisenzeiten begleiten können und im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung intervenieren können.“

T. Uhlemann:
„Die Psychosomatische Grundversorgung durch Hausärzte hat neben der Behandlung mit Richtlinien-Psychotherapie durch Psychotherapeuten eine große Bedeutung bei der Erstbehandlung von Patienten mit psychischen Störungen durch eine möglichst frühzeitige differenzialdiagnostische Klärung psychischer und psychosomatischer Krankheitszustände und eine sich ggf. anschließende Krankenbehandlung durch verbale Interventionen und durch übende und suggestive Interventionen bei akuten seelischen Krisen, auch im Verlauf chronischer Krankheiten und Behinderungen.“

A. Schneider:
„Um die Ansprüche an eine gute und ganzheitliche Versorgung erfüllen zu können, sollte der Hausarzt eingehende Kompetenzen in der Diagnostik von psychischen / psychosomatischen Beschwerden besitzen, insbesondere bei Somatoformen Beschwerden, Depression, Angststörungen und Suchterkrankungen. Dies beinhaltet auch sehr gute kommunikative Kompetenzen, eine hohe Empathie und eine professionelle hausärztliche Haltung. Darüber hinaus sollten grundlegende Kenntnisse vorhanden sein, um Patienten mit milden bis mittelschweren Symptomen selbst behandeln zu können bzw. um die Zeit bis zum Beginn der Psychotherapie überbrücken zu können. Teilweise ist dies auch erforderlich, da die Patienten – auch in Großstädten – teilweise bis zu 6 Monate auf einen Psychotherapieplatz warten müssen. Kompetenzen hierzu werden in der Regel in den Kursen „Psychosomatische Grundversorgung“ vermittelt, idealerweise im Verlauf der ärztlichen Tätigkeit ergänzt durch Fortbildungskurse.“

A. Deister:
„Viele Menschen mit einer psychischen Erkrankung  werden regelmäßig durch ihre Hausärzte untersucht und dort auch behandelt. Diese sind häufig der erste Ansprechpartner und begleiten die Patienten oft lebenslang. Deshalb ist es von enormer Wichtigkeit, dass diese Berufsgruppe ausreichend über die Diagnostik und leitliniengerechter Behandlung von psychischen Erkrankungen, insbesondere von Depressionen, Angsterkrankungen und somatoformen Störungen, informiert und geschult sind. Nicht zuletzt um diese Erkrankungen noch früher erkennen und behandeln zu können.“